Sölden-Sellrain Traverse

Dank „Quasi-Pense“ war nach Langem wieder eine Herbstrunde möglich. Beim Recherchieren, was es werden sollte, stieß ich auf den selten begangenen Zustieg (oder Abstieg) von Sölden zur Ambergerhütte über das Atterkarjöchl. Dank der Planungsapp vom Alpenverein (ein „Google Maps“ für Wanderungen) konnte ich die Machbarkeit mit vielen Details erkennen. Natürlich, um es in Echt zu erfahren, musste ich mich selbst auf den Weg machen.

Tag 1 – Sonntag – Sölden – Ambergerhütte

das Aufregende an so einer Tour ist die Recherche, die Planung und schließlich zu sehen, wie Alles wahr wird. Niemand mag glauben, dass sogar das Bestimmen der richtigen Bus-Ausstiegsstelle in Sölden schon richtig aufwendig war. Natürlich wollte ich auf kürzestem Weg zum Einstieg kommen. „Lochlehn“ wurde als richtig erkoren – und hat gepasst. Ich wanderte Richtung Kaisers und irgendwann bin ich intuitiv vom Talboden über einen Wiesenhang weiter nach oben gestiegen. Der Weg wurde zur Forststraße. Als mir ein Einheimischer entgegenkam, versicherte ich mich. Der Ortskundige bestätigte mir, dass in Kürze der Abzweig zum Atterkarjöchl kommen wird. „in 4 h bisch oben, oben ischess a bissl steil, aber Du packsch dess“.

richtig eingefädelt und es ging immer steil dahin, Aussicht von der Kaiserbergalm Richtung Sölden

Er behielt recht. Bald war ich bei der Kaiserbergalm. Der Weg dorthin und noch ein Stück danach ist NUR STEIL. Weil mein Tempo sehr beschaulich angesetzt war, machte es mir nichts aus, einfach nur zu gehen. Als ich die Baumgrenze überschritt und sich das Tal öffnete, ging es liebliche Wiesenflächen entlang. Hier verspürte ich das größte Glück.

Das Glück wandelte sich in Anstrengung, als ich die mächtige Wand vor mir sah, die es zu erklimmen galt. Die einzigen weiteren Begeher der Route begegneten mir hier. Sehr mühselig kämpfte ich mich Meter um Meter Richtung Joch.

der steilste, und teilweise ausgesetzte Teil des Aufstieges;

Oben zeigte der Höhenmesser 1.806 Aufstiegsmeter an, das wich doch um Einiges von der Tourenplanungsapp ab. Der Abstieg vom Joch ist anfangs seilversichert und führt dann über grobes Blockwerk. Der auf meiner Karte noch ziemlich groß eingezeichnete Gletscher war nicht mehr vorhanden und die wenigen Reste waren kaum mehr sichtbar, geschweige denn hätten sie irgendeinen Einfluss auf Ausrüstung/Schwierigkeit gehabt.

Der mächtige Schrankogel war immer im Blickfeld und wenn ich nicht schon oben gewesen wäre, müsste ich auf ihn unbedingt rauf. Ich freundete mich noch mit tierischen Gesellen an und genoss den gemütlichen Teil der Tour bis zum Ziel, der Ambergerhütte.

Dort bezog ich ein Zimmer (für mich allein :-)) und brauchte nach dem Abendessen nicht mehr viel, um müde ins Bett zu sinken.

Tag 2 – Montag – Ambergerhütte – Lüsens

Die Aufstiegsmeter waren mit 1.222 nicht so schlimm. Dafür hatte es die Länge der Tour (26,15 km) in sich. Weil ich noch nie auf der Winnebachseehütte war, fiel die Wahl auf die Route über Gries – Winnebachseehütte – Winnebachjoch – Westfalenhaus – Lüsens. Alternativ spechtelte ich mit dem Gedanken, über das Längentaljoch zu gehen. Aber zum ersten war mir der (dort noch vorhandene) Gletscher nicht geheuer und zweitens fand ich es vernünftiger, den sicheren (und mir noch unbekannten) Weg über das Winnebachjoch zu nehmen.

unterwegs zur Winnebachseehütte, die endlich in Sicht kam; noch hatte ich keine Ahnung, dass mir ein noch sehr weiter Weg bevor stand

Nichts ahnend, dass das Westfalenhaus wegen Umbauarbeiten (Wasserversorgung nicht mehr gegeben) geschlossen war, fiel mein Plan B, dort zu übernachten, ins Wasser. Als ich ankam, saßen nur zwei Damen auf der Terrasse, die ihrem Hunger, den sie dort stillen wollten, gut zureden mussten – dass es noch etwas dauern wird, bis es so weit sein wird. Ich selber versuchte, dem Wirt ein Flaschengetränk abzukaufen, was er ohne sichtbare Emotion verneint hat und sich seiner Baustelle zu wandte.

Rückblick zur Winnebachseehütte. Der Weg zum Winnebachjoch wollte nicht und nicht enden. Es entstand bei mir der Eindruck, dass die Länge des Jochs km weit sein musste. Immer wieder tauchte ein neuer Rücken auf, den es zu überschreiten galt.

eine Kette versichert den ersten Teil des Weges vom Joch. Man braucht sie aber nicht zwingend. Danach geht`s ewig auf Blockwerk dahin, bis irgendwann das Westfalenhaus auftaucht;

Blieb mir nur übrig, mein Jausenbrot zu schnabulieren und mit klarem Bergwasser aus der Quelle hinunter zu spülen. Danach machte ich mich auf Richtung Tal, die beiden vorausgeeilten Damen habe ich im Talboden eingeholt. Zusammen trafen wir beim Alpengasthof Lüsens ein. Ich freute mich über das Zimmer und die Privatsphäre samt W-Lan, genug Platz zum mich ausbreiten und vor Allem über die (notwendige) Dusche. Danach schmeckte Bier und das Schnitzel. Mit dem Einschlafen hatte ich keine Probleme.

Tag 3 – Dienstag – Lüsens – Sellrain

Über das Hochgraffljoch sollte die Tour sowieso führen. Den Gedanken jedoch, den Senderskamm „mitzunehmen“ und so nach Grinzens zu gelangen, habe ich unterwegs verschmissen.

diesem prächtigen Meister konnte ich nicht böse sein, dass er sich schon zeitig früh bemerkbar machte. Mit dem herrlichen Anblick des Lüsener Fernerkogels verabschiedete mich aus Lüsens und im letzten Bild war ich kurz vor dem Hochgraffljoch

Meine Sohlen brannten schon wie Feuer, als ich bei der Hintra-Alm ankam. Die endgültige Entscheidung fiel spätestens dort. Als ich von der Südseite des Jochs Richtung Talboden wanderte, führte der markierte Steig Richtung Potsdamer Hütte teilweise bergwärts und mir war schon jeder Höhenmeter zusätzlich zuwider. Also stieg ich direkt in den Talboden ab. Was ich vollkommen unterschätzte, war die Länge der Strecke bis zur Hintra – Alm. Es zog sich und zog sich. Entgegen meiner Hoffnung, war auch kein Pfad zu verfolgen. Es ging meistens weglos dahin. Widerlich die vielen sumpfigen Stellen, die es dauernd zu beachten galt.

Blick Richtung Hintra Alm (die Potsdamer Hütte würde im linken mittleren Bildbereich erscheinen), mittleres Bild: der ewige Hatsch durchs Tal zur Hintra Alm

Als ich bei der Alm ankam, waren meine Trinkvorräte aufgebraucht. Ich trat zögernd ins Almgelände ein und wollte jemanden fragen, ob ich Wasser füllen darf. Niemand war zu finden. Aber, hinterm Haus plätscherte ein Brunnen mit dem besten Wasser, dass ich seit Langem getrunken hatte. Ich fasste 2,5 ltr flüssiges Gold aus und trabte weiter Richtung Tal. Nun galt es zu entscheiden, wie ich heimkommen sollte nach Birgitz. Stolz wäre ich gewesen, wenn ich es „fair mean“ geschafft hätte, nämlich zu Fuß. Aber die Motivation dafür war nicht mehr vorhanden. Ich spielte mit dem Gedanken, es bei der Eisbrücke als Anhalter zu versuchen. Es war aber, als ich außen ankam, derart ruhig, dass ich entschied, weiter nach Sellrain abzusteigen und den Bus zu nehmen. Nach 7,5 h Gewandere und 20,31 km auf der Uhr keine falsche Entscheidung. Beim Ziegelstadel stieg ich aus und um in den Bus nach Birgitz. Die Hitze des letzten Sommertages mit über 30° nagelte grausig auf die Bushaltestelle.

Hilli, 9.9.2026

Von Christian

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